„Ein Schaden ist besser als Tausend Ratschläge.“

(Türkisches Sprichwort: Bir musibet, bin nasihatten daha iyidir.)

Wie die meisten jungen Muttis unter euch, habe ich auch bei der Erziehung meines Sohnes Alpaslan, der jetzt 14 Jahre alt ist, alles richtig machen wollen und mein Kind dabei so viel wie möglich fördern wollen. Ich wollte nicht, dass er mit Problemen konfrontiert wird, die ich in meiner Kindheit erlebt habe. Ich wollte ihm so viel wie möglich mit auf den Weg geben, damit er sich nicht ausgeschlossen fühlt und selbstsicher ist. Vom Babyschwimmen mit 3 Monaten, über Kinderturnen, Schwimmkurs, Fußball, Basketball, Bağlamakurs, Kochkurs, Schachkurs bis hin zum Origamikurs war alles dabei… Irgendwie hatte ich trotzdem das Gefühl, dass ich ihn nicht genug fördern und gleichzeitig es ihm nicht recht machen konnte. Die ersten Jahre hat er die abwechslungsreichen Freizeitbeschäftigungen mal genossen, mal geduldet. Aber irgendwann hat er sich geweigert, mitzumachen, wenn ich ihm neue Aktivitäten vorgeschlagen habe. Er wollte nicht mehr zum Schwimmkurs nach drei Jahren Vereinsmitgliedschaft, den Bağlamakurs hat er auch nach einem Jahr voller Diskussionen abgebrochen. Fußball wollte er selber ausprobieren, war aber nichts für ihn. Um uns das einzugestehen, haben wir (Alpaslan und ich) 4 Wochen gebraucht. Beim Basketball hat es zwei Monate gedauert, bis bei uns beiden das Lämpchen anging, dass es auch nicht DIE Sportart für Alpi ist.
Na ja, als Alpaslan 6 Jahre alt wurde, kam Mert auf die Welt. Mit der Zeit merkte ich, dass es nicht unbedingt darauf ankommt, den eigenen Kindern Aktivitäten oder Kurse aufzuzwingen, die ich mir selbst in meiner Kindheit gewünscht hätte. Ich habe auch ganz viele Elternzeitschriften oder Bücher über Erziehung gelesen und habe versucht die Ratschläge umzusetzen. Die erste Euphorie ließ irgendwann nach, denn irgendwann kam ich zum Ergebnis, dass Theorie und Praxis nicht immer miteinander vereinbar sind. Die Erziehung eines Kindes hängt von vielen Faktoren ab, wie z.B. die Einstellung der anderen Personen, die an der Erziehung des Kindes beteiligt sind, sei es der Vater, die Großeltern, eigene Freunde, Freunde des Kindes aus der Kita/Schule, Bekannte etc. Irgendwann bemerkte ich auch, dass meine Kinder schon bestimmte Charakterzüge besitzen. Sogar schon in den ersten Lebensmonaten war der Unterschied zwischen Alpis und Merts Wesen nicht übersehbar. Ich musste lernen, mich nach den Bedürfnissen meiner Kinder zu orientieren, wie ich sie auf ihrem Lebensweg begleite und unterstütze. Ich musste lernen, dass Verbote und Einschränkungen dazu führen, dass das Kind mehr Neugier für diese Verbote entwickelt. Das Vermitteln bestimmter Werte (menschliche, familiäre, religiöse, kulturelle, gesellschaftliche etc.) funktioniert hauptsächlich durch das eigene Verhalten und Handeln. Kinder sind sehr aufmerksam und achten auf alles. Ihre Antennen sind immer ausgestreckt und empfangsbereit. Daher musste ich immer wieder erkennen, dass ich mit all meinen Aussagen und Verhaltensweisen, den Charakter und die Weltsicht sowie die Einstellung meiner Kinder beeinflusse. Manche Kommentare meiner Kinder brachten mich in Verlegenheit, wie z.B. „Mama, du hast aber gesagt, dass man nicht lügen darf.“ auf eine Notlüge, die beim Telefonieren mal sein musste. Ich wollte keinen Besuch empfangen weil meine Wohnung nicht aufgeräumt war. Die türkische Gastfreundschaft erlaubt es nicht zu sagen, dass die Wohnung nicht aufgeräumt ist und man deshalb kein Gast empfangen möchte; so habe ich es von meiner Mutter gelernt. Jeder Gast ist „Tanrı misafiri“ (Gottes Gast). Man darf kein Gast zurückweisen. Nun stehst du da…, arbeitest Vollzeit, manchmal sogar bis zu 13 Stunden am Tag und kannst kein Gast empfangen, weil du keine Zeit hattest, deine Wohnung aufzuräumen; hinzu kommt noch, dass du vor deinem Sohn aus den genannten Gründen eine Notlüge erfinden musst um nicht gastunfreundlich dazustehen. Dann wirst du noch von deinem damals vierjährigen Sohn zurechtgewiesen, dass Lügen nicht richtig ist. Tja… in solchen Momenten merkst du, dass du dich vor einer ehrlichen Erklärung nicht drücken darfst. Als Mutter musst du in solchen Momenten einfach ehrlich sein und dem Kind erklären, dass es manchmal leider sein muss. Aber danach folgten ca. zwei Monate, in der fast täglich nachgefragt wurde, ob bestimmte Aussagen, die er gehört hat oder selbst erfunden hat, Notlügen sind oder nicht…

Evet Mamanneler, ne demis atalarımız? „Bir musibet bin nasihatten daha iyidir.“

Liebe Mamannes, wie war die Überschrift noch mal? Ein „Schaden“ ist viel besser als Tausend Ratschläge.

Bis zum nächsten Mal, mit einem weiteren „Schaden“…

  1. Erster!

    Schöner Erfahrungsbericht liebe Sevgi. Als Papa muss ich auch aufpassen natürlich. Und Vorbild sein. Bei guten Taten die mein zweijähriger Sohn macht, viel loben aber nicht jedesmal belohnen.

  2. Sevgi Kalayci

    Richtig lieber Ferhat, wir freuen uns alle, dass es dir jetzt besser geht und du deinem süßen Kleinen lange Jahre ein gutes Vorbild sein wirst. LG Sevgi

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