Geschwister – „Liebe“ – Wie gehe ich mit Streitereien unter Geschwistern um?

“Babys, die in Deutschland auf die Welt kommen, sind blond!”

Bis zum 10. Lebensjahr war ich ein Einzelkind und ich habe es gehasst! Mit 10 Jahren kam ich gemeinsam mit meiner Mama und meinem ungeborenen Bruder nach Deutschland, “dank des Gesetzes der Familienzusammenführung”. Das bedeutet nicht, dass mein Papa kurz vor uns nach Deutschland gekommen war. Ganz im Gegenteil… Er lebte schon seit 9 Jahren in Berlin; er hatte uns verlassen müssen als ich 1 Jahr alt war. Wegen den damaligen gesetzlichen Bestimmungen war es nicht möglich, unsere Familie zu einem früheren Zeitpunkt “zusammenzuführen”. Wie dem auch sei spürte ich in den ersten Jahren meines Lebens große Sehnsucht nach meinem Vater und einem Geschwister. Meine Mama war schwanger als wir nach Berlin kamen, genau vor 26 Jahren. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich mir trotz des langjährigen Wunsches nach einem Geschwister, Sorgen gemacht hatte, dass meine Eltern meinen Bruder mehr lieben werden als mich. Hinzu kam noch meine Spekulation, dass mein Bruder blonde Haare haben wird, weil er in Deutschland auf die Welt kommen durfte. In Kappadokien, wo ich herkomme, waren blonde und füllige Babys ein Highlight. Mit diesen Gedanken wartete ich auf den Tag der Geburt meines Bruders. Dann kam er… Ich war positiv überrascht über seine tiefschwarzen Haare und seine dunkle Hautfarbe und fand keine Erklärung dafür. Bis Mama mir dies erklärte. Mein Verständnis (ich kann mich nicht erinnern, wie das entstanden ist) sagte mir aber immer noch: „Wenn Babys in Deutschland auf die Welt kommen, sind sie blond!“

Danach folgte eine Zeit, in der ich den Satz „Du bist die Ältere (Abla), gib ihm mal deine Schokolade ab!“ sehr oft hören durfte. Das nervte mich und manchmal bereute ich es sogar, mir ein Geschwister gewünscht zu haben. Gleichzeitig gab es aber auch mehr Situationen, in denen ich froh war, die Ältere zu sein und einen Bruder zu haben.

Altersunterschied der Nachkömmlinge

Nun komme ich zu meinen eigenen Kindern… Mir war es von vornherein klar, dass ich nicht so lange warten wollte mit dem zweiten Kind, weil meine Erfahrungen aus meiner Kindheit mich geprägt hatten. Allerdings wollte ich auch nicht, dass der Altersunterschied gering ist, weil ich die Erfahrung gemacht hatte, wie anstrengend die erste Zeit mit einem Baby sein kann. Die Geburten meiner Jungs liegen 6 Jahre auseinander. Dieser Altersunterschied ist einerseits sehr angenehm für die Eltern, denn man kann sich in den ersten Lebensjahren die Zeit für jedes Kind nehmen, die tatsächlich gebraucht wird. Wenn das zweite Kind da ist, ist das Erste schon 6 Jahre alt und in vielerlei Hinsicht selbständig. Es ist auch in der Lage, Erklärtes zu verstehen und nach einer gesunden Geschwistererziehung, Rücksicht auf das Geschwisterkind zu nehmen. Andererseits wird es mit zunehmendem Alter schwieriger, mit allen Familienmitgliedern gemeinsam etwas zu unternehmen, weil die Interessen der Kinder unterschiedlich sind.

Wie gehe ich mit Streitereien unter meinen Kindern um?

Konflikte zwischen Geschwistern helfen, die Konfliktfähigkeit und Kritikfähigkeit zu trainieren. Einzelkinder brauchen Freunde, um diese Kompetenzen zu erlernen. Aus dieser Perspektive betrachtet, ist es einfacher, mit den Auseinandersetzung zwischen den Geschwistern gelassen umzugehen. Jetzt kann ich diese Gelassenheit genießen, aber vor ein paar Jahren war es kaum denkbar. Das habe ich mit der Zeit lernen müssen. Da der Körperbau meiner Söhne, wegen des Altersunterschiedes sehr unterschiedlich ist, – Alpi groß (jetzt 1.82 cm) und stark, Mert klein und zierlich – neigte ich zu Beginn der Streitereien dazu, Mert in Schutz zu nehmen. Manchmal blieb mir nichts anderes übrig, wenn ich ins Kinderzimmer ging und sah, dass Alpi auf Mert sitzt, weil Mert ihn schlagen wollte. “Mert wollte nicht aufhören, mich zu schlagen und weil ich ihn nicht verletzen wollte, habe ich mich auf ihn gesetzt und seine Hände festgehalten.” sagte er, während Mert kaum noch atmen konnte.

Heutzutage denken viele Eltern: “Je mehr Kinder, desto mehr Verantwortung und man hat weniger Zeit für sich.” Das mag vielleicht für die ersten Jahre stimmen, wenn die Kleinen noch unselbständig sind. Allerdings sollte man auch bedenken, dass die Kinder mit der Zeit selbständiger werden. Zudem unterstützen und stärken sie sich gegenseitig, wenn sie unter mehreren Geschwistern aufwachsen, Auch wenn die Verantwortung mit der Anzahl der Kinder steigt, ist der positive Einfluss auf die Entwicklung unserer Kleinen, v.a. in Bezug auf die Sozialkompetenz nicht zu unterschätzen. Das Wichtigste ist dabei, dass wir als Eltern unserer Funktion bewusst sind. Wenn Konflikte zwischen den Geschwistern entstehen, dürfen wir nicht den Schiedsrichter spielen und einen Schuldigen suchen. Es besteht nämlich immer die Gefahr, dass wir unbewusst Partei ergreifen. und somit fühlt sich ein Geschwisterkind nicht verstanden bzw. ungerecht behandelt. Das Stichwort heisst: Moderieren. Als Eltern müssen wir uns den Beruf eines Moderators anschauen. Denn ca. ab dem 3. Lebensjahr unserer Kinder sollten wir bei Konflikten unter Geschwistern die Rolle eines Moderators einnehmen können. Gerechtes Urteilen ist oft schwierig, daher sollten wir uns als Eltern möglichst aus den Streitereien raushalten.

Fazit

• Babys, die in Deutschland auf die Welt kommen, sind nicht alle blond!
• Geschwister zu haben, fördert die Sozialkompetenz
• In Konfliktsituationen sollten Eltern moderieren und nicht den Schiedsrichter spielen oder sich komplett raushalten
• Ich moderiere mittlerweile sehr selten, meistens dann, wenn ich gefragt werde. Sonst wissen sie ganz genau, wie und wo sie ihre Probleme lösen können… Unter vier Augen, ohne Atmungsprobleme, im Kinderzimmer.

Bis bald…

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